4. August 2020

Eine unvergessliche Saison zum Vergessen – Saisonrückblick 19/20

Kategorien: Allgemein

Moin Grün-Weiße,

die Saison ist vorbei und wir können endlich alle einige Wochen durchschnaufen! Um einmal die Saison Revue passieren zu lassen, wollen wir die maßgeblichen Themen der Saison noch einmal mit euch teilen und rekapitulieren, was da überhaupt alles war. Auf das sportliche der vergangenen Saison wollen wir nur kurz eingehen. Nüchtern betrachtet haben wir das Saisonziel „Europa“ weit verpasst und uns nur über die Hintertür in der aktuellen Spielklasse gehalten. Zu der Thematik wird viel von Wissenden und Unwissenden geschrieben und spekuliert, dementsprechend ersparen wir euch eine tiefergehende Analyse unsererseits und beschränken uns auf die anderen fanrelevanten Themen der Saison.

Verkauf Stadionnamen & Identifikationsverlust
Die Geschäftsführung schockte uns schon vor der Saison mit dem Verkauf des Stadionnamens. Die Enttäuschung darüber, dass ein weiteres Identifikationsmerkmal des Vereins verkauft wurde, sitzt weiterhin tief. Hier heilt leider auch die Zeit die hinterlassenen Wunden nicht. Seit vielen Jahren setzen wir uns maßgeblich für den Erhalt des Stadionnamens ein. Zu viele andere Vereine hatten bisher ihren traditionellen Stadionnamen zu Geld gemacht und an einem Sponsor verkauft. Unser SVW war da bislang anders. Er hatte zwar einen Sponsor für das Weserstadion, der damit werben konnte „Partner des Weserstadions“ zu sein, aber der Name blieb ungerührt. Dieser Vertrag lief 2018 aus. In diesem Wissen intensivierten wir schon in den vergangenen Jahren die Gespräche mit der Vereinsführung zu diesem Thema und ließen diverse Spruchband-Aktionen im Stadion folgen. Als der Namensverkauf schon vor dem endgültigen Vertragsabschluss öffentlich wurde, organisierten wir gemeinsam mit den Ultragruppen HB-Crew, Ultra Team Bremen, L’Intesa Verde und Ultra Boys eine spontane Demo für den Namenserhalt, um den letzten Strohhalm doch noch zu ergreifen. Leider ohne Erfolg.
Am meisten schmerzt immer noch die Tatsache, dass der Verkauf keineswegs unausweichlich war. Er war nur die einfachste, bequemste und sicherste Geldquelle für die nächsten 10 Jahre. Selbst konkrete Ideen mit alternativen Finanzierungsmöglichkeiten aus der aktiven Fanszene wurden dem Verein vorgeschlagen, aber als nicht umsetzbar erklärt. Blöd nur, dass sich dieser Idee einige Vereine in der Corona-Krise nun bedient haben.
Dass der Verkauf des eigenen Stadionnamens von uns in der Folge nicht stillschweigend hingenommen werden konnte, sollte klar sein. Nachdem es von der Geschäftsführung nach der Demo noch hieß, dass jegliche Form von friedlichem Protest wünschenswert ist und zu 100% toleriert werde, ließ diese Kritikfähigkeit nach diversen Spruchbandaktionen im Stadion allerdings immer mehr nach und gipfelte schließlich beim Pokalheimspiel gegen Heidenheim. Zwei Banner mit der Aufschrift „Für immer Weserstadion“ und „Immobilienhaie – Vorsicht bissig“ wurden von dem Ordnungsdienst und der Polizei unter Anwendung von Gewalt abgehangen und wir verließen daraufhin mit allen Ultragruppen das Stadion. Eine ehrliche kritische Aufarbeitung der Geschehnisse seitens des Vereins blieb bis zum heutigen Tage aus.
Dennoch haben wir nicht resigniert und sind nicht tatenlos geblieben. Wir haben weiter mit diversen Aktionen, auf die Thematik aufmerksam gemacht und werden einen Stadionnamenssponser niemals tolerieren. Weserstadion unantastbar, verpiss dich Wohninvest!

Kommunikation mit dem Verein
Ein weiterer Tiefpunkt in dieser Saison lag in der Kommunikation mit dem Verein. Der Fanbeirat, der eine Plattform zum Austausch zwischen aktiven Fans und Geschäftsführung darstellte, wurde von allen teilnehmenden Ultragruppen verlassen. Die Kommunikation im Hinblick auf den Verkauf des Stadionnamens hat das Fass zum Überlaufen gebracht, sodass für uns dieser Schritt – die Kommunikation mit den Entscheidungsträgern einzustellen – unausweichlich war. Schon lange fand die Kommunikation nicht mehr auf Augenhöhe statt, sondern war vielmehr eine Einbahnstraße. Der Verein erfüllte damit die DFL Statuten, die einen Austausch zwischen Fans und Verein als Auflage diktieren. Unsere Meinung hingegen wurde nur bei wenigen Themen ernstzunehmend mit eingebunden.

Seit knapp einem Jahr herrscht nun dieser Stillstand. Der Versuch von der Geschäftsführung nach den Vorfällen beim Heidenheim Pokalspiel und in der Corona Krise mit uns wieder ins Gespräch zu kommen, konnten wir ohne Bedenken widerstehen.
Solange innerhalb des Vereins kein Umdenken stattfindet und eine offene Haltung gegenüber den Problemen und Wünschen der Fans nicht nur mündlich bekräftigt wird, sondern auch Taten folgen, werden wir die Kommunikation nicht wieder aufnehmen.

Repression
Nicht nur sportlich und fanpolitisch war die vergangene Saison ganz großer Müll, sondern auch auf Ebene der Repression. In einem kaum vergleichbaren Ausmaß nahm in der letzten Spielzeit die Willkür und Schikane auf Kosten der organisierten Fanszene zu.
Von Hausdurchsuchungen, über falsche Verdächtigungen bis hin zu brutalen Polizeieinsätzen gegen die Meinungsfreiheit im Stadion. Die Saison 19/20 ließ kaum einen Heim-Spieltag aus, an dem wir nicht befürchten mussten vor dem Ostkurvensaal rausgezogen und abfotografiert zu werden. Ohne eine richterliche Verurteilung abzuwarten, wurden zudem von Werder Bremen einige Stadionverbote ausgestellt. Die Unschuldsvermutung, eine der wichtigsten Säulen des Rechtsstaats, gilt bei der Vergabe von Stadionverboten auch beim SV Werder nicht. Damit einher gingen aberwitzige Meldeauflagen für Auswärtsspiele, trotz teils eigestellter Verfahren, die dafür als Begründung dienten.
Alles in allem lässt sich zusammenfassen, dass in der vergangenen Saison deutlich wurde, dass die Bremer Ultraszene als Übungsdummy für unseren Innensenator herhalten darf. An den sogenannten Fans kann man mal so richtig schön zeigen, wie durchsetzungsstark die Bremer Polizei ist. Dass Schikane und Willkür dabei die bevorzugten Methoden darstellen, steht dabei außer Frage und es zeigt sich wieder, dass das Leben als Fan alles andere als leicht ist.

Dennoch lässt sich in Sachen Repression auch etwas Positives berichten und in Anbetracht der vergangenen Saison absolut Notwendiges. Die Grün-Weiße-Hilfe konnte sich in der Bremer Fanszene etablieren und stellt schon jetzt eine feste Institution dar, die nicht nur auf individueller strafrechtlicher Ebene Erfolge erzielen konnte, sondern auch auf ein amtsgerichtliches Urteil mit Strahlwirkung hinwirken konnte. So hatte das Amtsgericht festgestellt, dass das massenhafte verdachtsunabhängige Abfotografieren von Fans rechtswidrig sei und eine Löschung dieser Daten verordnet. Zudem wurde gegen das Fanmarschverbot für Gästefans angegangen, wo das Gericht in einem Eilverfahren „deutliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Fanmarschverbots“ ausmachte.
Weiter bleibt abzuwarten was das neue Bremer Polizeigesetz mit sich bringt, das erfreulicherweise sehr viel progressiver ausgefallen ist, als nahezu alle anderen vergleichbaren Polizeigesetze. So muss jetzt eine Quittung ausgestellt werden, wenn sie dich kontrollieren, sofern du eine willst mit den genauen Anhaltspunkten für die Kontrolle. Das ist besonders dann für uns interessant, wenn es zu verdachtsunabhängigen Kontrollen im Viertel kommt, wo solche zulässig sind. Für uns relevant ist ebenfalls die Einrichtung einer unabhängigen Beschwerdestelle und die Tatsache, dass jetzt in Bremen auch Bereitschaftspolizisten der Kennzeichnungspflicht unterliegen.

Corona & Außendarstellung
Unsere Kritik an der frühen Wiederaufnahme des Spielbetriebs haben wir schon in einem vorherigen Text zum Ausdruck gebracht. Die Vehemenz sich über alle bestehenden Regeln zur Eindämmung der Pandemie hinwegzusetzen, nur um den Ball in den Profiligen wieder rollen zu lassen, bleibt ebenfalls in nachhaltiger Erinnerung an diese Saison. Zudem hat die Pandemie offengelegt, was eines der Kernprobleme des Fußballes ist: Die Vereine sind ausschließlich der Durchlauferhitzer der Milliarden Umsätze, in keinster Weise aber der Profiteur. Zu hoch sind die Spielergehälter, die Ablösesummen und die Honorare für die Berater. Zu niedrig hingegen der Gewinn und die Rücklagen der Vereine. Dass Vereine schon nach wenigen Wochen ohne Einnahmen vor dem finanziellen Ruin stehen, muss jedem Fan ein deutliches Warnsignal sein. Die handelnden Personen müssen Ihrer Verantwortung gerecht werden und solide wirtschaften. Die Fans müssen hingegen kritischer mit den Vereinsvertretern ins Gericht gehen und nicht alles dem sportlichen Erfolg unterordnen!

Unser Verein hat die Nöte durch die Pandemie deutlich nach außen kommuniziert. Auch als einer der wenigen Bundesligavereine in Deutschland wurde staatliche Unterstützung durch Kurzarbeit in Anspruch genommen. Zusätzlich hat der Verein durch die „Kurvenheld“-Aktion einen Aufruf gestartet, den Verein auch finanziell zu unterstützen, indem die Fans die Tickets für die Geisterspiele nicht zurückerstatten lassen sollen. Ob der Gegenwert mit Aufnäher, Becher und Party mit der Mannschaft ausreichend sind, wollen wir nicht bewerten. Vielmehr kritisieren wir, dass einem suggeriert wird, man sei nur ein Kurvenheld, wenn man sein Geld spendet. Zugleich aber verzichtete die Profimannschaft, die natürlich der größte Kostenfaktor ist, nicht auf einen – aus unserer Sicht – angemessenen Teil des Gehalts, sondern streicht weiterhin die Millionen ein. Dafür ist der Fan dann doch gut genug.

Geisterspiele & Wertschätzung
Seit dem Bundesliga Restart wird unter Ausschluss von Zuschauern gespielt. Nur die engsten Vereinsvertreter und Mitarbeiter sollen das Stadion betreten. Da passt es natürlich überhaupt nicht ins Bild, wenn bei den wichtigsten Spielen zum Saisonabschluss gegen Köln und in Heidenheim Kommunalpolitiker und Geschäftspartner hofiert werden, um im Stadion „ihrem“ SV Werder die Daumen drücken zu dürfen. Im Gegensatz dazu sollten sich die Fans, die teilweise seit Jahrzehnten dem Verein treu zur Seite gestanden haben, doch bitte mit dem Platz vor dem Fernseher begnügen. So sieht die wahre Wertschätzung der Fans heutzutage aus!
Was durch die Geisterspiele aber völlig ad absurdum geführt wird, ist die Bedeutung des Spiels. Der Fußball lebt durch die Fans im Stadion, nicht durch die Zuschauer vor den Fernsehern in Deutschland, China oder sonst wo auf der Welt. Die Emotionen und die Freude in der Gemeinschaft sich als Teil des Vereins zu verstehen, werden abgekühlt und bleiben auf der Strecke! Wir fordern daher ein Umdenken beim Verein. Richtet euer Handeln nach den Fans im Stadion aus, nicht nach den Kunden vor der Glotze!

Ausblick
Egal wie man es dreht und wendet, unterm Strich dieser Saison steht erstmal der Klassenerhalt. Er bedeutet für den Verein Planungssicherheit und zumindest eine gewisse wirtschaftliche Stabilität. Er bedeutet, sich auch in Zukunft mit den Besten messen zu können und gleichzeitig sich mit guter, solider Arbeit wieder dorthin spielen zu können, wo wir hingehören: in die obere Tabellenhälfte.
Dennoch ist ein Umdenken innerhalb des Vereins nötig! Wer die Entwicklung der letzten Jahre – eher des letzten Jahrzehnts – hautnah miterlebt hat, wird befürchten müssen, dass dieses Umdenken in der momentanen Konstellation nicht stattfindet. Wir fordern keine Bauernopfer, aber das was an Ergebnissen und Konsequenzen aus der „Saisonanalyse“ – nicht nur sportlich – folgte, war einfach nicht deutlich genug. Man hätte gehofft, dass die Verantwortlichen mit konkreten Konzepten vor die Presse treten, aber dies war wohl in der selbstgesetzten Kürze der Zeit nicht möglich. Ein „weiter so“ darf es nicht geben, wie unser Trainer richtig gesagt hat. Aber genau darauf läuft es unserer Meinung nach in allen Themen rund um unseren Verein hinaus. Wir werden diese Entwicklung weiterhin kritisch mitbegleiten.

Wanderers Bremen