1. Juli 2020

Relegation – Fluch oder Segen?

Kategorien: Allgemein

Moin Werderfans,

Mit einem 6:1 Kantersieg gegen Köln am letzten Spieltag beendet Werder die reguläre Saison auf Platz 16. Die Frage, ob Werder so überragend gespielt hat oder ob Köln den Weg für einen Düsseldorfer Abstieg nicht im Wege stehen wollte, lassen wir mal dahingestellt. Über so einen Sieg freut sich natürlich jeder von uns, schließlich waren Erfolgserlebnisse diese Saison Mangelware. Werder spielte die zweitschlechteste Saison der Vereinsgeschichte, bekommt nun aber durch das Erreichen des Relegationsplatzes noch eine weitere Chance die Saison mit einem blauen Auge abzuschließen. Und genau diesen Umstand wollen wir uns mit euch zusammen noch einmal vor Augen führen. Fluch oder Segen. Für was steht die Relegation?

Versteht uns nicht falsch, jeder von uns wünscht sich für unseren Herzensverein den größtmöglichen Erfolg und keiner möchte Werder in der zweiten Liga kicken sehen. Dennoch haben wir bereits in der Vergangenheit das Thema Relegation kritisiert und können auch jetzt, nur, weil Werder davon profitieren könnte, nicht den Mantel des Schweigens über das Thema legen. Wir können ohne Wenn und Aber sagen, dass die Relegation aus sportlicher Sicht das Gegenteil von Fair Play ist!

Nüchtern betrachtet hat Werder eine katastrophale Saison abgeliefert, das wird keiner bestreiten können. Für diese Leistung belohnt zu werden und dem Zweitligisten eine erfolgreiche Saison zur Nichte zu machen, widerstrebt unserer Meinung nach einem fairen Wettbewerb.

In der Saison 2008/2009 entschied sich die DFL für die Wiedereinführung der Relegation. Dieses Konzept war keineswegs komplett neu, jedoch waren die Gründe für die Durchführung von der Relegation zwischen 1982 und 1991 sicher noch etwas anders gelagert als heutzutage. Die DFL vermarktet diese Spiele mittlerweile als besondere Highlights. Es ging und geht ihr also allein darum, aus dem eh schon völlig aufgeblähten Konstrukt Bundesliga noch weitere Umsätze zu generieren. Der sportliche Wettbewerb wird gegenüber der finanziellen Planungssicherheit von den Bundesligisten hintenangestellt. Am Ende der Saison werden Mannschaften so um den verdienten Aufstieg gebracht, während andere Mannschaften, die konstant spielerisch schlechte Leistungen abgeliefert haben, die Klasse unverdient halten.

Wenn man sich die Aufstiegsspiele in die erste Liga ansieht, dann muss man feststellen, dass sich in acht von elf Relegationen der Erstligist durchgesetzt hat. Eine gute und erfolgreiche Saison in der 2. Bundesliga hat in den meisten Fällen am Ende folglich keinen Wert mehr gehabt, da es die über 34 Spieltage schwachen Erstligisten irgendwie schaffen die Klasse zu halten. Welche Ursachen dieser Umstand hat lässt sich nicht abschließend feststellen. So kann es einerseits an einer psychologischen Vorteilssituation der Erstligamannschaften liegen, dass die Erstligisten freier auftreten können oder an den letztlich doch stärkeren Kadern. Abschließend lässt sich das von uns nicht klären. Auffällig bleibt nur der Überhang an Siegen der Erstligisten.

Mit Bremer Brille schaut man sicherlich etwas kritischer hin, aber dass die Ergebnisse der Relegationen vom ungeliebten Nachbarn mehr als glücklich und unverdient waren, kann sicher keiner abstreiten. Wer hat damals nicht den Underdogs aus Fürth oder Karlsruhe die Daumen gedrückt, welche den Aufstieg sicherlich mehr verdient hatten. Auch das Team aus Braunschweig scheiterte am Ende knapp am Aufstieg und stieg sogar in der Folgesaison in die 3. Liga ab. Was für eine Bereicherung ein „frischer“ Zweitligist wie beispielsweise Union Berlin sein kann, hat man diese Saison eindrucksvoll gesehen.

Die gleiche Situation findet man, wie oben schon erwähnt, auch beim Aufstieg in die zweite Liga wieder. Hier hat zwar in der Vergangenheit das vermeintlich kleinere Team aus der dritten Liga häufiger die Nase vorne gehabt, dennoch sind einige der Relegation zum Opfer gefallen und konnten ihre erfolgreiche Saison nicht mit dem Aufstieg vergolden. Noch absurder wird es, wenn man noch eine Liga tiefer geht und auf die Regionalligen schaut. Auf Grund der Tatsache, dass man seit der letzten Reform in fünf Regionalligen spielt, steigt nicht mal mehr jeder Meister der jeweiligen Liga auf.

Wir können mit Fug und Recht behaupten, dass der SV Werder Bremen mit dem Erreichen von Platz 16. in der Endabrechnung dieser Saison den direkten Abstieg leider verdient hätte! Auch mit Blick durch die grün-weiße Brille lassen die Leistungen der Mannschaft keinen anderen Schluss zu. Die wideren Begleitumstände dieser Spielzeit wie die Verletzungsmisere, dubiose Entscheidungen des Videoschiedsrichters oder auch die Corona-Unterbrechung dürfen nicht als Argumentation herangezogen werden und somit der mögliche Klassenerhalt gerechtfertigt werden.

Unbestritten wäre ein Abstieg in Liga 2 ein (finanzielles) Desaster für den Verein und würde auch uns Fans hart treffen. Nichtsdestotrotz sind wir Verfechter des gerechten Wettbewerbs.
Daher bleiben wir unserem Standpunkt treu und können diesen guten Gewissens nochmal wiederholen: zurück zu klaren Auf- und Abstiegsregelungen! Die Mühen einer ganzen Saison sollen sich auszahlen und der sportliche Wettbewerb dauerhaft fair gestaltet werden!

In diesem Sinne

Relegation Abschaffen

28. Mai 2020

In der Krise beweist sich der Charakter – Stellungnahme der Fanszenen Deutschlands

Kategorien: Allgemein

Nein, der Fußball befindet sich in keiner Krise – lediglich das Geschäftsmodell derjenigen kommt ins Wanken, die sich daran eine goldene Nase verdienen. Und nicht erst jetzt, aber aktuell mit voller Wucht, bekommt der Profifußball den Spiegel vor die Nase gesetzt, mit welcher Missgunst ein großer Teil der Bevölkerung auf den Profifußball blickt. Wir nehmen wahr, dass sich das Produkt Fußball eine Parallelwelt erschaffen hat, welche viele Fußballfans mit ausufernden Transfer- und Gehaltssummen, einer unersättlich wirkenden Gier nach Profit, Korruption bei Verbänden sowie dubiosen und intransparenten Beraterstrukturen (2017/18 ca. 200 Mio. €) in Verbindung setzen.

Wiederaufnahme des Spielbetriebs
Wir mögen aktuell nicht beurteilen und abschätzen können, wann ein vertretbarer Zeitpunkt gewesen wäre, den Ball wieder rollen zu lassen. Wir bewerten jedoch das Verhalten der Vertreter des Profifußballs als anstands- und respektlos, sich in der aktuellen Krisensituation derart aggressiv in den Vordergrund zu drängen. Der Gedanke, dass sich mit genügend Geld und ausreichender Lobbyarbeit Sonderwege bestreiten lassen, lässt sich leider nicht von der Hand weisen. Ein Vorpreschen bei der Inanspruchnahme routinemäßiger Screenings erachten wir als anmaßend, würden uns doch dutzende andere Institutionen einfallen, bei denen verdachtsunabhängige Testungen mehr Sinn ergeben würden. Übel stößt hierbei nicht die generelle Inanspruchnahme von Testkapazitäten auf, sondern weil sich der Profifußball eine soziale Relevanz anmaßt und eine Sonderbehandlung bewirkt, die in keinem Verhältnis zur aktuellen gesellschaftlichen Rangordnung steht.
Wir hätten vielmehr eine Vorgehensweise erwartet, welche der sozialen Verantwortung und der Vorbildfunktion des Fußballs gerecht wird.

Veränderungen
„Es steht außer Frage, dass künftig Nachhaltigkeit, Stabilität und Bodenständigkeit zu den entscheidenden Werten gehören müssen“. Zwar zeugt die von der DFL getätigte Aussage durchaus von Selbstkritik, zeigt jedoch gleichzeitig auch, nach welchem Maßstab bisher Entscheidungen getroffen wurden und in welchem Ausmaß man von wirtschaftlichen Interessen getrieben wurde.
Es ist jetzt, und nicht erst nach überstandener Krise, an der Zeit, über konkrete Veränderungen im Profifußball zu debattieren und Entscheidungen zu treffen:

1.       Wettbewerbsfördernde, ligaübergreifende Verteilung der Fernsehgelder

Der aktuelle Verteilungsschlüssel sorgt dafür, dass die Schere zwischen finanziell starken und schwachen Vereinen immer weiter auseinandergeht. Eine gerechtere Verteilung fördert den sportlichen Wettbewerb und steigert die Attraktivität der Ligen.

2.       Rücklagen

Es muss festgelegt werden, dass die Clubs Rücklagen bilden, um zumindest kurzfristige Krisen jeder Art überstehen zu können, ohne direkt vor der Insolvenz zu stehen. Hierbei muss vor allem Rücksicht auf die e.V.-Strukturen genommen und dafür adäquate Lösungen gefunden werden, ohne diese – ebenso wie 50+1, in Frage zu stellen. Schließlich ist der Verkauf von Substanz zur Rettung der Liquidität genau die Denkweise, die zur jetzigen Krise geführt hat. Daher ist der Umstand, dass die 50+1 Regel zum Teil in Frage gestellt wird, aus unserer Sicht vollkommen unverständlich.

3.       Gehalts- und Transferobergrenzen

Spielern und Funktionären seien weiterhin wirtschaftliche Privilegien vergönnt. Analog zu Transfersummen sollten jedoch auch diese gedeckelt werden, um aktuelle Auswüchse zu stoppen und dem irrationalen und unverhältnismäßigen Wettbieten entgegenzuwirken.

4.       Einfluss durch Berater beschränken

Rund um die Spieler hat sich ein Netzwerk an Profiteuren gebildet, welches für den Sport in keiner Weise produktiv ist. Dieses muss aufgedeckt, reglementiert und eingeschränkt werden.
Wenn man sich auf der Mitgliederversammlung des eigenen Vereins erklären lässt, wie gering der Bruchteil der teils horrenden Ablösesummen ist, der dem eigenen Verein tatsächlich zu Gute kommt, wird schnell sichtbar, dass an diesem System des modernen Menschenhandels einiges nicht stimmen kann.
Zu hoch sind die Beträge, die bei den Transfererlösen bei den Spielerberatern hängen bleiben, deren Handeln im Interesse ihrer Schützlinge oft durchaus angezweifelt werden darf. Hier ist leider zu vermuten, dass oft der Blick auf den eigenen Gewinn, das „Kasse machen“, im Vordergrund steht und Spieler die Clubs öfter wechseln, als das ihrer eigenen sportlichen Entwicklung zuträglich wäre.
Richtig problematisch wird es dann, wenn sich unter den großen Beratungsbüros kartellartige Strukturen bilden, die mit Absprachen unter der Hand die Transferzahlungen in die Höhe treiben. Der freie Markt aus Angebot und Nachfrage ist dann nachhaltig gestört und es entsteht eine Preisspirale, an der der Profifußball kein Interesse haben kann.
Ebenso muss den verschiedenen Investmentfirmen, welche sich an den Rechten der Spielertransfers beteiligen, ein Riegel vorgeschoben werden. Es darf nicht sein, dass sich Privatpersonen unter dem Deckmantel dieser Firmen die eigenen Taschen füllen und die Verbände die Augen verschließen!
Natürlich ist es in Ordnung und Teil des Wettbewerbes Fußball, wenn gute Spieler gute Gehälter erzielen und entsprechende Transfersummen kosten. Spieler sind (leider) auch eine Handelsware. Die Abartigkeiten, die hier aber in den letzten Jahren gewachsen sind, sind nicht Ausdruck eines gesunden Wettbewerbs.

5.       Kader begrenzen

Durch aufgeblähte Spielerkader lagern die Vereine „Kapital“ auf Ihren Auswechselbänken. Manch ein Verein verpflichtet Spieler nur, damit diese nicht für die Konkurrenz auflaufen können und lässt sie dann auf der Bank oder Tribüne versauen. Vereine, die es sich leisten können, blähen ihre Kader künstlich auf. Dem Motto folgend „was ich habe hat schon mal kein anderer“. Das ist natürlich eine Strategie, gegen die Konkurrenten zu arbeiten. Ob sie sportlich ist, steht auf einem anderen Blatt.
Eine Begrenzung der Anzahl an Spielerleihen ist bereits geplant. Dies gilt es, auf die Reduzierung der Profikader auszuweiten Ein beliebiges Aufstocken mit Nachwuchskräften sollte dennoch jederzeit möglich sein, denn würde es rein um die Absicherung gegen Ausfälle gehen, spricht absolut nichts dagegen, Nachwuchsspieler aus den eigenen Reihen hochzuziehen. In diesem Fall zeugt ein großer Kader mit eigenen jungen Spielern von einer nachhaltigen und guten Nachwuchsarbeit. Dies gilt es in Zukunft vermehrt zu fördern.
Ein „Zusammenkauf“ von Profispielern „auf Halde“ ist grundsätzlich abzulehnen. Das wird nicht zuletzt den Spielern nicht gerecht, deren Entwicklung dadurch nachhaltig gestört wird.
Wir werden genauestens verfolgen, ob auf die eigenen Worten der Verbandsvertreter und von Funktionären, den Fußball ändern zu wollen, auch Taten folgen. Schluss mit Ausreden und Heraufbeschwören von Unmachbarkeitsszenarien. Wir erwarten eine lösungs- und keine problemorientierte Herangehensweise mit transparenten Arbeitsschritten.

Fanszenen Deutschlands im Mai 2020

15. Mai 2020

Statement zum Ligabetrieb und Geisterspielen

Kategorien: Allgemein

Moin Grün-Weiße,

nun ist es soweit, auch wir melden uns zu Wort. Die Bundesliga soll fortgesetzt werden – allerdings ohne Fans in den Stadien. Geisterspiele. Denn der Fussball soll in diesen Zeiten wieder Licht in die dunklen deutschen Wohnzimmer bringen.
So oder so ähnlich argumentieren die Funktionäre des Fußballs, der Politik und große Teile der Presse stimmen munter mit ein. Es wird eine System- bzw. gesellschaftliche Relevanz des Fußballs suggeriert, die so nicht existiert.

Nach nur zwei Monaten Spielpause liegt der Profifußball, der Milliarden von Euro Umsatz macht, dermaßen am Boden, dass seine weitere Existenz nur noch dadurch gerettet werden kann, dass der Spielbetrieb wieder aufgenommen und dabei in Kauf genommen wird, dass die Verbreitung des Virus wieder an Fahrt aufnimmt.

Die Bundesliga hat ein gigantisches Maßnahmenprogramm aufgestellt, inklusive massenhafter Testungen und Sicherheitsabstand, um den Spielbetrieb so schnell wie möglich wieder aufnehmen zu können. Koste es, was es wolle. Während die systemrelevanten gesellschaftlichen Bereiche und Berufe komplett unterfinanziert sind und um die Finanzierung jeder Schutzmaßnahme kämpfen müssen, werden dem Profifußball Privilegien zugestanden, die jede Verhältnismäßigkeit verloren haben.

Dabei ist der Profifußball selbst das Problem. Die uferlosen Spielergehälter, Ablösesummen, Beraterhonorare und TV-Gelder lassen die Finanzblase Fußball seit Jahrzehnten immer groteskere Formen annehmen. Und nun haben erstmals auch die Fußball-Funktionäre ihr wahres Gesicht gezeigt. Die Fortsetzung der Bundesliga und der Bestand der bis zum Obersten gefüllten Blase scheint wichtiger zu sein als die Gesundheit der Menschen, die Verantwortlichkeit des Fußballs als Vorbildfaktor oder die Fairness gegenüber den wirtschaftlichen Branchen und Bereichen, die durch die Pandemie tatsächlich am Boden liegen.

Wo bleibt denn die so oft propagierte Vorbildfunktion und soziale Verantwortung des Fußballs? Warum sollte der Profifußball diese privilegierte Rolle einnehmen dürfen, während Millionen von Menschen um ihre finanzielle Existenz bangen müssen? Während die Schulen notdürftig nur die Abschlussklassen unterrichten, dürfen sich die Fußballer wieder die Beine weggrätschen.  Während Kneipenbesitzer ihre Läden geschlossen halten müssen, müssen die Spieler wieder auf den Platz.

Die jetzige Krisensituation des Fußballs ist nicht coronabedingt, sondern hausgemacht und die Geldmaschine druckt nur weiter, wenn der Ball wieder rollt, auch ohne Fans. Doch ob das wirklich so sein wird, wird man noch sehen müssen, denn die gesellschaftliche Akzeptanz schwindet im Angesicht der Profitgier der Fußball-Millionäre. Es geht nicht, dass Spielerberater die Vereinskassen um Millionen erleichtern, Spielern die Gehaltsabrechnung wichtiger ist als die Punkte auf dem Konto der Vereine und das Sponsoren und PayTV immer mehr Einfluss in den Vereinen zugestanden wird und nicht zuletzt die 50+1 Regel immer öfter und stärker ausgehöhlt wird.

Was zählt im Fußball und was den Fußball ausmacht sind die Emotionen. Emotionen, die durch die Fans generiert und getragen werden. Doch wir Fans, die wir der Dreh- und Angelpunkt dieses „Wirtschaftszweiges“ sind, stehen außen vor und werden durch die Fortsetzung der Bundesliga endgültig ins Abseits gestellt und sollen zu Fernsehkonsumenten degradiert werden. Oder am besten noch für passive Unterstützung in den Stadien sorgen.

Wir können und werden, unter diesen Umständen die Geisterspiele „als notwendiges Übel“ nicht akzeptieren.
Wir lieben Werder und wollen natürlich gemeinsam mit dem Verein durch diese sportlich schwierigen Zeiten gehen. Doch die sportliche Realität rückt durch die momentane Situation in so weite Ferne, dass die Emotionen gänzlich abkühlen.

Außerdem unterstützt der SV Werder Bremen die Pläne der DFL vollumfänglich und kann daher bei unserer Kritik an der jetzigen Fortsetzung der Bundesliga nicht ausgenommen werden. Das Krisenmanagement der Geschäftsführung stößt dabei besonders übel auf. Es wird mit einer Initiative mit dem passenden Namen „Kurvenheld“ an das Gewissen der Fans appelliert, in diesen schweren Tagen, das Geld für die schon bereits gekauften Eintrittskarten nicht zurückzufordern. Wir sprechen uns dagegen aus, dem Verein diese Almosen zu geben und fordern jeden Werderfan auf es uns gleich zu tun! Behaltet das Geld, falls ihr es braucht, oder besser spendet das Geld an „Die Bremer Suppenengel e.V.“  oder an eine andere Organisation eures Vertrauens. Aber schmeißt euer Geld nicht denen hinterher, die sowieso genug haben bzw. falsch mit horrenden Summen gewirtschaftet haben.

Man könnte diese Krise nutzen, um den Bann des immer weiter, höher und schneller endlich zu durchbrechen. Dem Sport sein Gesicht zurückgeben und den Fans ihre Passion. Einzelne Stellrädchen zurückschrauben, Missstände korrigieren und es einfach mal besser machen, als in der Vergangenheit. Es muss uns klar werden, dass wir Fußballfans gerade am Hebel sitzen und dem Fußball, wie er sich heute darstellt, ein Schnippchen schlagen können, indem wir ihn gegen die Wand fahren lassen.

Um nicht falsch verstanden zu werden: wir lieben Werder und den Fußball, aber wir haben auch schon immer mit dem Finger auf die Missstände im Fußball gezeigt und das tun wir auch jetzt. Wir wollen nicht, dass Werder absteigt, wir wollen aber auch keinen Sport unterstützen, der seinen Profit über die gesellschaftliche Verantwortung stellt.

Wanderers Bremen im Mai 2020

16. April 2020

Quarantäne für den Fußball – Geisterspiele sind keine Lösung!

Kategorien: Allgemein

Die Frage, wann und in welcher Form wieder Profifußball gespielt werden darf, wurde in den vergangenen Tagen und Wochen viel diskutiert. In der nach wie vor teils unübersichtlichen gesellschaftlichen Situation wurden von verschiedenen Akteuren eine Vielzahl ethischer, epidemiologischer und anderer Argumente ins Feld geführt. Im Folgenden möchten wir uns, als bundesweiter Zusammenschluss der Fanszenen und mit Blick auf die DFL-Vollversammlung, zu dem Thema äußern:
Die Wiederaufnahme des Fußballs, auch in Form von Geisterspielen, ist in der aktuellen Situation nicht vertretbar – schon gar nicht unter dem Deckmantel der gesellschaftlichen Verantwortung. Eine baldige Fortsetzung der Saison wäre blanker Hohn gegenüber dem Rest der Gesellschaft und insbesondere all denjenigen, die sich in der Corona-Krise wirklich gesellschaftsdienlich engagieren. Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne.
Wir vertreten die klare Position, dass es keine Lex Bundesliga geben darf. Fußball hat in Deutschland eine herausgehobene Bedeutung, systemrelevant ist er jedoch ganz sicher nicht. Beschränkungen, die für vergleichbare Bereiche der Sport- und Unterhaltungsindustrie gelten, müssen auch im Fußball Anwendung finden. In einer Zeit, in der wir alle sehr massive Einschränkungen unserer Grundrechte im Sinne des Gemeinwohls hinnehmen, ist an einen Spielbetrieb der Bundesligen nicht zu denken. Wenn seit Wochen über einen Mangel an Kapazitäten bei CoVid-19-Tests berichtet wird, ist die Idee, Fußballspieler in einer extrem hohen Taktung auf das Virus zu untersuchen, schlicht absurd. Ganz zu schweigen von der Praxis eines Fußballspiels mit Zweikämpfen, eines normalen Trainingsbetriebes in Zeiten von Versammlungsverboten und eines gemeinsamen Verfolgens potenzieller Geisterspiele durch Fans.
Die Rede von gesellschaftlicher Verantwortung und Pläne für exklusive Testkontingente (über 20.000 Stück) für den Profifußball passen nicht zusammen. Wir verstehen, dass Vereinsfunktionäre durchaus rechtliche Verpflichtungen haben, im Sinne des finanziellen Wohls ihres Vereins zu handeln. In einer Situation jedoch, in der die gesamte Gesellschaft und Wirtschaft vor enormen Herausforderungen stehen, ist es für uns nicht nachvollziehbar, dass offenbar sämtliche Bedenken hintenangestellt werden, wenn es darum geht, den Spielbetrieb möglichst lange aufrechtzuerhalten, bzw. erneut zu starten.
Ganz offensichtlich hat der Profifußball viel tieferliegende Probleme. Ein System, in das in den letzten Jahren Geldsummen jenseits der Vorstellungskraft vieler Menschen geflossen sind, steht innerhalb eines Monats vor dem Kollaps. Der Erhalt der Strukturen ist vollkommen vom Fluss der Fernsehgelder abhängig, die Vereine existieren nur noch in totaler Abhängigkeit von den Rechteinhabern.
Die Frage, weshalb es trotz aller Millionen keinerlei Nachhaltigkeit im Profifußball zu geben scheint, wie die Strukturen und Vereine in Zukunft robuster und krisensicherer gemacht werden können, wurde zumindest öffentlich noch von keinem Funktionär gestellt. Das einzig kommunizierte Ziel ist ein möglichst schnelles ,,Weiter so!‘‘, das jedoch lediglich einer überschaubaren Zahl an Beteiligten weiterhin überragende Einkünfte garantiert. Das Gerede von zigtausenden Jobs halten wir schlicht in den meisten Fällen für einen Vorwand, weiterhin exorbitante Millioneneinkünfte für wenige extreme Profiteure zu sichern. Dies zeigt sich auch in der absoluten Untätigkeit des DFB, im Hinblick auf den Fußball unterhalb der 2. Bundesliga. Dass Geisterspiele hier viel stärkere Folgen hätten, als in den Ligen der DFL, wird ausgeblendet. Hauptsache das „Premiumprodukt“ kann weiterexistieren. Hier wird der DFB seiner Rolle nicht nur nicht gerecht, er zeigt auch wiederholt, wessen Interessen er vertritt.
Seit Jahren fordern Fans Reformen für eine gerechtere Verteilung der TV-Einnahmen und kritisieren die mangelnde Solidarität zwischen großen und kleinen Vereinen. Wir weisen auf Finanzexzesse, mangelnde Rücklagenbildung und die teils erpresserische Rolle von Spielerberatern hin. Die Gefahr der Abhängigkeit von einzelnen großen Geldgebern haben wir anhand von Beispielen wie 1860 München, Carl Zeiss Jena und anderen immer wieder aufgezeigt.
Spätestens jetzt ist es aller höchste Zeit, dass sich Fußballfunktionäre ernsthaft mit diesen Punkten auseinandersetzen. Die jetzige Herausforderung ist auch eine Chance: Die Verbände sollten diese Krise als solche begreifen und die Strukturen des modernen Fußballs grundlegend verändern. Es ist höchste Zeit!
In diesem Zusammenhang fordern wir:

-Der aktuelle Plan der DFL, den Spielbetrieb im Mai in Form von Geisterspielen wieder aufzunehmen, darf nicht umgesetzt werden. Wir maßen uns nicht an, zu entscheiden, ab wann der Ball wieder rollen darf. In einer Situation, in der sich der Fußball auf diese Weise so dermaßen vom Rest der Gesellschaft entkoppeln würde, darf es jedoch nicht passieren.
-Eine sachliche Auseinandersetzung mit der aktuellen Lage muss forciert und eine Abkehr vom blinden Retten der TV-Gelder vollzogen werden. Auch ein möglicher Abbruch der Saison darf kein Tabu sein, wenn die gesellschaftlichen Umstände es nicht anders zulassen. In diesem Fall sollten nicht nur Horrorszenarien in Form von drohenden Insolvenzen skizziert werden, sondern Lösungsmöglichkeiten in Form von Förderdarlehen, erweiterten Insolvenzfristen und anderen Kriseninstrumenten, denen sich auch die restliche Wirtschaft stellt, diskutiert werden.
-Eine kommende Lösung muss maximal solidarisch sein. Es darf unter den Vereinen keine Krisengewinner – und verlierer geben. Die Schere zwischen ,,groß‘‘ und ,,klein‘‘ darf nicht noch weiter auseinandergehen. Ausdrücklich schließen wir damit auch die Vereine der dritten Liga und der Regionalligen mit ein, für die Geisterspiele ohnehin keine Option sind.
-Die Diskussion über grundlegende Reformen, um den Profifußball nachhaltiger und wirtschaftlich krisensicherer zu gestalten, muss jetzt beginnen. Sie darf nicht nur von Fans und Journalisten geführt werden, sondern ist die zentrale Aufgabe der Verantwortlichen der Clubs und Verbände. Strukturen und Vereine müssen auf einen finanziell und ideell sicheren Boden zurückgeholt werden. Dabei muss die 50+1-Regel weiterhin unberührt bleiben.
Die Phase einer von der restlichen Gesellschaft komplett entkoppelten Fußballwelt muss ein Ende haben!

Fanszenen Deutschlands im April 2020